Leseprobe aus »Spiegelriss«

Babyfuß

Ich sehe das Feuer nicht, aber ich spüre seine Nähe. Das Rudel hat sich um die Feuerstelle versammelt. Ich halte mich abseits, ich mag keine Ellbogen an meinen Rippen und keine Füße in meinem Gesicht. Ich will nicht, dass jemand mir seinen Kopf auf die Schulter oder auf die Oberschenkel legt, wie es hier alle tun, um sich aneinander zu wärmen. Tief in mir drin weiß ich, dass es vielleicht langsam ganz gut wäre, wenn ich näher an die anderen rücken, mich geselliger und aufgeschlossener zeigen würde. Aber ich kann das nicht. Mehr als einmal habe ich schon ein verächtliches Zischen hinter meinem Rücken gehört – dass ich seltsam und eingebildet sei. Dabei gibt es nichts, worauf ich mir etwas einbilden könnte. Niemand hier ist so hilflos und unwissend wie ich. Ich bin dem Rudel dankbar dafür, dass es mich aufgenommen hat. Ohne sie alle wäre ich längst verhungert und erfroren. Aber ich kann mich auch nach Monaten noch nicht dazu überwinden, so zu tun, als wäre ich eine von ihnen. Ich liege zusammengerollt auf der Seite, die Knie berühren das Kinn, meine Arme sind um meine Beine geschlungen. Ich höre das Knacken des Brennholzes, der Wind weht den Rauch zu mir rüber.
Es ist Nacht. Das Rudel ist hungrig. Das ist immer so. Mit leerem Magen kann man schwer einschlafen, deswegen versuchen alle, sich mit Gruselgeschichten von der Leere im Bauch abzulenken. Abwechselnd schrauben sich Stimmen hoch, erkämpfen sich das Rederecht, das sie dann mit blutrünstigen Details verteidigen. Wenn die Spannung nachlässt, wird sofort gemeutert und der abgewürgte Erzähler muss dem nächsten Platz machen.
»Und dann beschlossen die Pheen, sich an der Normalität zu rächen.«

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